Zum Anlaß des heutigen Tages der…äh was…ach ja, deutschen EINHEIT ein kleiner, feiner Text, der meine Feder letzten Novemebr in Berlin verlassen hat und der von mir in die Kategorie „Zeitlos“ eingeordnet wurde- Euer Pech, denn nu steht er hier…
Viel Vergnügen!
Liebe Freunde des Wortes,
da melde ich mich nun aus dem großen Moloch der Eitelkeiten und Möchtgern-Künstler, dem Ort der grenzenlosen Freiheit und des Großstadt-Dschungels.
Es ist doch immerwieder für mich verblüffend, dass man diese Stadt auch nicht fünf Minuten alleine lassen darf, weil man sonst schon nicht mehr weiß, wo man ist, bei all den Veränderungen.
Aber dieser Umstand hat in Berlin Tradition und jeder Berliner trägt diesen Rausch der Veränderung in sich und ist ihm verfallen.
Andererseits ist es aber auch des Berliners liebstes Hobby, zu allererst und mit einer Leidenschaft, die an die Französische Revolution erinnern möge, über all diese Neuerungen zu meckern, um sie dann, nach der Eingewöhnungsphase, als schon immer dazugehörig zu markieren und mit der selben Leidenschaft, die zuvor zum Bekämpfen genutzt wurde, zu verteidigen.
Ja ja , der Berliner an sich ist eine gespaltene Persönlichkeit und wie sollte es auch anders sein…
Verblüffend ist für mich allerdings immer wieder die Begegnung mit einer Generation junger Berliner, um nicht zu sagen den Jüngsten.
Man ist geneigt, einen weniger intelligenten Gesichtsausdruck anzunehmen, wenn einem ein Steppke von vielleicht 10 Jahren erzählen will, wie Scheiße es doch in Prenzelberg oder in Charlottenburg ist, nein, nicht weil er einen besonderen Bezug dazu hat, sondern weil…na sag´s schon…“Iiiih, da willste hin?!? Dit is doch im Osten, wa?“ das selbe nochmal „Bähhh, wat willste denn im Westen?“. Da geht man dann doch nochmal gucken, ob die Mauer nicht noch rumsteht…
Ich, zu einer Generation gehörend, die sich sehr wohl noch an die Mauer erinnern kann, vielleicht auch mehr, als andere Altersgenossen, da meine Ur-Großeltern „drüben“ lebten, ich jedenfalls, weiß nicht, ob ich in Gelächter oder in nen Heulkrampf verfallen soll, wenn mir die nächste Generation mit solcherlei Vorurteilen entgegen kommt, die von einer Generation vererbt worden sind, die nicht anders konnte.
Erschreckend!
Auch ich kenne diese mentale Mauer im Kopf, sie drängt sich geradezu auf, wenn ich auf der Strecke zwischen Lerther Bahnhof (für nicht-Berliner: Hauptbahnhof) und Friedrichstraße mit der S-Bahn am Reichstag vorbei fahre und immernoch das komische Gefühl in der Magengegend spüre, dass früher, als ich mit meiner Großmutter eigentlich monatlich „rüber“ fuhr, sich immer einstellte, weil ich wusste, wir fahren an einen Ort, wo die Menschen gefangen waren.
Der „Tränenpalast“ war Ort der Angst und der Erleichterung, je nachdem, in welche Richtung wir fuhren.
Ich kann mich sehr gut an das Gefühl der Abhängigkeit und des Ausgeliefert-seins erinnern, wenn im „Tränenpalast“ die vollbewaffneten Grenzer einen bedrohlich ansahen. Wenn aus purer Willkür irgendwer rausgerissen und übermäßig kontrolliert und inspiziert wurde. Manchmal auch einfach jemand abgeführt wurde.
Oft fuhren wir mit dem Wagen „rüber“, was nicht minder anstrengend und für mich auch immer mit gemischten Gefühlen verbunden war.
Vor einer solchen Fahrt musste man mindestens nen Monat vorher, bei bestimmten Feiertagen auch noch früher, ein Visum, einen Passierschein beantragen. Man musste angeben, weshalb, wieso, zu wem man reisen wollte und was man einführen würde.
Wollte man übernachten, so brauchte es eine Sondergenehmigung, die natürlich noch viel früher beantragt werden musste und oft auch abgewiesen wurde.
Hatte man das alles hinter sich und fuhr dann endlich „rüber“, so kamen die anderen Schikanen. Wenn man zu den Unglücklicheren gehörte, passte dem kontrollierenden VOPO etwas nicht und man wurde richtig herausgezogen, was eine Durchsuchung des Autos mit Verkleidung abnehmen und nem getrennten Verhör der beteiligten Personen bedeutete. Normalerweise, also wenn man nicht rausgezogen wurde, gab es die gründliche Passkontrolle, das Rücksitzbank umklappen, die Tankkontrolle, Kontrolle der mitgebrachten Sachen und das obligatorische Geldwechseln.
Kurzer Einschub: Warum muß ich jetzt an die USA denken?
…Weiter…
Oft stellte ich mich schlafend und hatten wir nen netten Grenzer, dann musste die Rücksitzbank nicht umgeklappt werden. Das war manchmal ganz gut so, denn natürlich schmuggelten auch wir ab und zu was für meine Ur-Großeltern oder für die Nachbarsfamilie rüber.:)
Hausarbeiten konnte ich bei meinen Ur-Großeltern übrigens nicht machen, da man die WEST-Schulbücher nicht einführen durfte…könnte ja die Wahrheit in der falschen Version drin stehen. Was die Hausaufgaben betraf, war mir die DDR da zum erstenmal sympathisch…
Endlich bei meinen Ur-Großeltern im Berliner Umland angekommen, hieß es eigentlich immer: Frühstücken, Kaffee, Mittagessen, Kaffee-Kuchen, Imbiss, Abendbrot- sprich wir waren in einem Zustand des Dauerfressens, denn es blieb nie viel Zeit. Ab und an hatte man an der Grenze nicht so lange stehen müssen, dann war auch noch Zeit für den Wald, für´s Hühnerfüttern oder Erdbeeren sammeln.
Schlug die Uhr dann abends halb sechs, fing ich an, unruhig zu werden.
Immer, wenn es dämmerte, begann sich in mir eine Panik auszubreiten, denn ich wollte unter keinen Umständen, „drüben“ bleiben und drängelte, dass wir endlich losführen.
Wieder wurden Passierscheine ausgefüllt, was man denn wieder mitnimmt, das gewechselte Geld blieb bei meinen Ur-Großeltern und ab ging´s zurück nach West-Berlin. Natürlich gab´s auf dem Rückweg die gleiche Odyssee an der Grenze wie bei der Hinfahrt.
Immer nach dem Passieren der Grenze kam dann die Erleichterung, aber auch das Bedauern, dass man nicht einfach da hätte bleiben können, dass es beim nächsten Mal wieder so sein würde und das ich meine Ur-Großeltern deshalb nur sehr selten sehen konnte.
Als West-Berliner hatte man das mit der Grenze immer, wenn man aus der Stadt wollte zum Beispiel, um in den Urlaub zu fahren.
°tiefton° Dudum-dudum…dudum-dudum°tiefton°…so ungefähr klang die Transitstrecke und kostete so mancher Wagenachse das Leben.
Aber wir konnten wenigstens raus, für uns gab es ein Leben außerhalb der DDR. Uns standen mehr Länder zur Verfügung, die man besuchen konnte, wir hatten die Freiheit, Fragen zu stellen, ohne gleich verhört zu werden.
Wir waren zwar „besetzt“, die Engländer im Westen, die Franzosen im Norden und die Amys im Süden, aber zu meiner Zeit waren die „Besatzer“ Freunde, Mitberliner.
Es war ein wirklich surrealer Moment, als ich eines morgens von meiner Mutter zur Schule gebracht wurde, die Hektik des Alltags im Rücken und die Straßen ziemlich ungewohnt aussahen. Wir wussten erst nicht, was eigentlich anders war…“wat machen denn die janzen Trabbis hier?!?“
Tja, in der Schule erfuhr ich dann, was los war. Wir sangen „Die Gedanken sind frei“ und die Nationalhymne und hatten dann Schulfrei. Wir sollten uns zur Mauer begeben, um zu sehen, was da los war.
Ich begriff erst auf dem Weg zu meiner Oma, bei der ich immer nach der Schule war, was das bedeuten könnte, denn glauben konnte ich es nicht.
Auch nicht, als ich ein paar Tage später, nur mit dem Ausweis und zu Fuß, mit meiner Mutter die Glieniker Brücke, den Ort, wo früher häufig Spione ausgetauscht wurden, überquerte. Ich hatte eine solche Furcht, dass es nur ein Trick war, dass sich hinter uns die Tore gleich wieder schließen würden.
Aber sie taten es nicht.
Berlin blieb offen, zu allen Seiten, die Stadt quoll über an Menschen, an Freude, an Freiheit.
Es gab keine Barbies zu kaufen, keinen Kaffee (jedenfalls keinen Ordentlichen…) tatsächlich auch kein frisches Obst und vierlerlei andere hochbegehrte „West-Waren“, das Begrüßungs-Geld wurde umgestezt und zwar rasant. Konsum war das erste, was sofort verstanden wurde…
Vom ersten gemeinsamen Sylvester, gibt es herlliche Bilder meiner Großmutter, die nach ihrer Arbeit in der Berliner Philharmonie mit ihrer Kollegin zur ehemaligen Mauer ging und dort mit Polizeibeamten, Grenzern und dem Rest des Volkes feierte. Klassischerweise haben die Beamten auf den Bildern eine Rose in ihren Waffen.
Diese Euphorie, des endlich „Eins-seins“, der Hoffnung und des Sieges der Freiheit, verflüchtigte sich schnell und Gram und Zweifel und vor allem Neid nahmen ihren Platz ein.
Viele wurden enttäuscht, weil man ihnen weiß machen wollte, dass man eben nur die Mauer einreißen muß und schon ist alles gut.
Sie hatten gedacht, mehr braucht es nicht, aber das vierzig Jahre Teilung nicht einfach so wieder aufzuholen, abzuarbeiten und zu übergehen sind, daran hatte niemand gedacht.
Im Westen, wie im Osten, das trifft jedenfalls für Berlin zu, gab es Verluste.
Arbeit, Wohlstand und soziale Annehmlichkeiten gingen verloren.
Während West-Berlin zu Beginn gerne seinen Wohlstand teilte und dem Osten so schnell wie möglich angleichen wollte, so war man drüben von dem Recht überzeugt immer noch mehr zu verlangen, ohne dafür zu opfern. Man fühlte sich im Osten, zum Teil berechtigt, über den Tisch gezogen, da viele unrechte Geister durch das neue und vor allem unerfahrene Land zogen und ihren Profit suchten.
Es wurde beklagt, dass alles teurer würde, dass die sozialen Absicherungen verloren gingen, dass der Westen nur am Profit interessiert sei, aber es wurde vergessen, dass man selbst diesen Kapitalismus einst für das Heiligste hielt, dass man quasi aus dem Nichts Geld erhielt, denn der Umtausch 1:2 zum Beispiel wurde oft bejammert, aber nie wurde darüber nachgedacht, dass dieses Geld aus einem Topf genommen wurde, in den das halbe Land, das nun auf einmal existierte, nie etwas einbezahlt hatte
Es wurde vergessen, dass all der „Reichtum“ der vorhanden war, nicht plötzlich entstanden war, sondern eben auch vierzig Jahre dauerte bis er so war, wie er war.
Es wurde viel gefordert und es gab großes Geschrei, wenn dafür eine Gegenleistung verlangt wurde.
Auch im Westen stieg zunehmend der Zorn auf, über die vermeintliche Gier des Ostens und zu wenig war das Verständnis da, dass man es mit einem Volk zu tun hatte, dass vierzig Jahre mehr oder weniger eingesperrt war, dass durstig war, nach all dem, was es entbehren musste.
Auf beiden Seiten gab es Enttäuschungen, Familien gingen zu Bruch, die vorher durch die Mauer zusammengeschweißt waren.
Viele Obrigkeiten schloßen in dieser Zeit des Umbruchs falsche Entscheidungen, überstürzten die Dinge ohne die Konsequenzen zu durchdenken.
Viele Ungerechtigkeiten sind daraus entstanden und haben in Berlin dafür gesorgt, dass bei einer Generation, vielleicht zweien, die Mauer nun höher ist, als sie es in Wirklichkeit je war.
Ich, einer Generation angehörend, die die Mauer erlebt hat, alt genug, um die Mißstände langsam zu begreifen, die vorherrschten, aber auch noch jung genug, um naiv daran zu glauben, dass Menschen begreifen, dass es nie nur einen Schuldigen gibt und es zu nichts führen kann, wenn man sich in einer schwierigen Situation gegenseitig nieder macht, anstatt gemeinsam zu verstehen, dass man gemeinsam das Problem lösen kann und wird, mit viel Geduld, mit dem Wissen um Verlust und viel, viel Arbeit, ICH, bin traurig, wenn mir ein kleiner Junge, der von alldem nicht mal eine Ahnung hat und haben kann, mit einem Starrsinn entgegenblickt, der vermuten läßt, dass es noch Generationen brauchen wird, bis wir begreifen, was für ein wunderbares Geschenk die Maueröffnung war.
Vielleicht hilft es uns, sich daran zu erinnern, wie sich jeder einzelne an diesem Tag gefühlt hat, welche Freude, welch Triumph dieser Tag des Mauerfalls bedeutet.
Vielleicht krempeln wir dann ja, zwanzig Jahre später, gemeinsam die Ärmel hoch und freuen uns an dem, was wir gewonnen haben und weinen nicht um das Alte, dass nur im Verklärungsschleier der Vergangenheit entzücken mag.
Lernen wir, ehrlich zu sein und packen es an!!!